Eine BR-Reportage von Autor Andreas Krieger begleitet Turit Fröbe. Die Architekturhistorikerin fotografiert seit über zwei Jahrzehnten „Bausünden“ in Deutschland.
Veröffentlicht werden die Fundstücke in Bildbänden sowie in ihrem beliebten Abrisskalender. Der eignet sich übrigens bestens als Geschenk für Architektinnen und Architekten.
Im Video gezeigt werden Beispiele wie die berüchtigten „Toscana-Häuser“ in bayerischen Neubaugebieten, die mit mediterranen Motiven eine Sehnsucht nach Ferne ins Dorf importieren – allerdings meist in endloser Reihung und auf viel zu kleinen Grundstücken. Was als Individualität gedacht ist, wirkt in der Masse wie ein Serienprodukt: Fertighäuser von der Stange, die doch zugleich einzigartig erscheinen wollen.
Burgen aus dem Baumarkt, überdimensionierte Portale und Palladio-Zitate in Vororten
Neben diesen importierten Stil-Illusionen dokumentiert Fröbe auch die Übersteigerung von Repräsentation: Burgen, Portale und Mini-Palladio-Zitate finden sich in Vororten und ländlichen Gegenden. Die Architektin spricht von einem Wettrüsten mit Baumarkt-Accessoires, das immer groteskere Blüten treibt.
Gleichzeitig verweist sie auf die Diskrepanz zwischen den aktuellen Anforderungen an Städtebau und Klimaanpassung – mehr Begrünung, weniger Versiegelung – und den Trends in vielen Einfamilienhausgebieten, wo Plastikpflanzen, Gabionen und Kunstrasen an die Stelle lebendiger Gärten treten.
Spezialdisziplin der Bausünde: Abschottung
Ein besonders starkes Motiv der Reportage ist die neue Kultur der Abschottung: Hohe Zäune, Mauern und schmiedeeiserne Tore mit goldenen Löwen verdecken zunehmend die Architektur dahinter – oft handelt es sich nur um schlichte Bungalows.
Fröbe beobachtet, dass die Pandemie diese Entwicklung noch beschleunigt hat: Mit dem Aufstell-Pool im Garten kam der Wunsch nach maximaler Privatsphäre.
Ihr Fazit ist zugleich melancholisch und bissig: Wenn sich der Trend fortsetzt, könnten bald nicht mehr die Häuser selbst im Abrisskalender zu sehen sein, sondern nur noch Zäune. Damit würde ein Stück architektonische Zeitdiagnose unsichtbar werden.



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